Zwischenräume

 

Wir leben in einer Zeit, in der das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht richtig sichtbar und greifbar ist. 

 

Gleichzeitig gelingt Wandel so oft einfach nicht.

 

In meinem Blog möchte ich dem wirklichen Wandel auf den Grund gehen.

Der Moment dazwischen: Wenn das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht greifbar ist

Heute ist Karfreitag und ich stolpere über einen Widerspruch.

 

Es ist Frühling und die Natur ist voll im Aufbruch. Die Tage sind wieder länger als die Nächte. Alles blüht und duftet. Die Sonne wärmt und die Vögel singen ihre Frühlingslieder.

Es fühlt sich an wie Neubeginn. Nach dem dunklen, kalten Winter ist die „Auferstehung“ doch längst in vollem Gange.

Und Mitten hinein kommt dieser eigenartige Karfreitag und steht für das genaue Gegenteil: Für die Finsternis. Für das Ende. Für den qualvollen letzten Gang in den Tod.

 

Wie soll das zusammenpassen? Wozu diese Symbolik, wenn doch alles schon nach Erneuerung, nach purer Lebendigkeit klingt?

 

Und was bedeutet das für Wandel, für Transformation, für Organisationsentwicklung?

 

Auch dort ist oft längst alles bereit für Veränderung oder schon mittendrin. Die Notwendigkeit ist anerkannt, Ideen sind da, Konzepte werden entwickelt und ausgerollt. Und trotzdem bewegt sich nicht wirklich etwas.

 

Mit der Analogie zur Natur und dem Bild des Karfreitags wird eines klarer. 

 

Es bewegt sich nicht, weil genau das fehlt: der Moment dazwischen, in dem das Alte geht und Platz macht für das Neue.

Und genau diesen Zwischenraum versuchen wir zu überspringen. Weil wir hier plötzlich nicht mehr alles wissen. Weil wir es nicht kontrollieren können. Weil es sich unsicher und scheußlich anfühlt. Das auszuhalten ist eine solche Zumutung. Nicht zuletzt, weil es unserer funktionalistischen Logik zutiefst widerspricht. 

 

Und deshalb weichen wir aus und greifen zurück auf das, was wir kennen.
Optimieren, justieren, rollen weiter aus, latschen drüber. Und hoffen, uns damit irgendwie zum Ziel zu bringen.

 

Aber ohne diesen Moment, ohne den Zwischenraum, ohne das Nicht-Wissen bleibt alles, wie es ist. Denn wir erschaffen mit unseren alten Mitteln nur eine Kopie dessen, was uns bereits vertraut ist.

 

Die Frage ist also nicht, ob wir bereit sind für Veränderung. 

Die Frage ist vielmehr: Sind wir bereit, uns auf diesen Moment einzulassen und in diesem Zwischenraum anwesend zu sein?

 

Denn genau dort entscheidet sich, ob Wandel wirklich stattfindet.

 

Vielleicht ist genau das die eigentliche Transformationsarbeit:
im Zwischenraum präsent zu bleiben und die Ungewissheit auszuhalten, aus der heraus das wirklich Neue entstehen kann. Zu sehen, anzuerkennen und auszusprechen, was ist, auch wenn alles in uns lieber schon weiter wäre.

Im Moment bleiben, auch wenn es unbequem wird

Vor einiger Zeit bin ich einem Ansatz begegnet, der mich bis heute begleitet.

 

Er schärft den Blick für etwas, das im Kern jeder Veränderung liegt und gleichzeitig oft übersehen wird.

 

Bei der Akzeptanz und Commitment-Therapie (ACT) geht es darum, präsent zu sein, mit dem, was in uns lebendig ist. Sich damit anzunehmen, um wahrhaftig in der Welt zu stehen, im Einklang mit den eigenen Werten zu handeln und den eigenen sinnhaften Weg zu gehen.

 

 

Der Kern ist psychologische Flexibilität. Diese besteht aus drei Elementen:

 

1. „Präsent sein“ im gegenwärtigen Moment als Beobachter*in dessen, was vor sich geht. Dies steht im Gegensatz dazu, mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt zu sein und sich selbst und die Umwelt zu verwechseln mit unseren Konzepten.

 

2. “Sich öffnen“ meint, in Kontakt mit den eigenen Gefühlen und dem eigenen Erleben zu sein. Dabei ist es wichtig, akzeptierend anwesend zu sein als Beobachterin, als wertschätzender Zeuge*in. Das steht im Gegensatz dazu, die eigenen Gefühle zu unterdrücken oder sich vollkommen mit ihnen zu identifizieren.

 

3. „Das zu tun, was wichtig ist“ meint, im Einklang mit sich selbst und den eigenen Werten engagiert zu handeln, die eigene Wahrheit zu sprechen und zu leben. Dies im Gegensatz dazu, sich zu verbiegen, um bspw. (erwartete) Erwartungen zu erfüllen oder nicht peinlich dazustehen.

 

 

Ich finde es wichtig, diesen Ansatz zu teilen. Gerade jetzt, in Zeiten, da die Selbstoptimierung, das Streben nach und sich Messen an Vorstellungen von Perfektion so präsent sind.

 

Unser Alltag ist voll von „Angeboten“, unsere Referenz nach außen zu verlagern, uns und unsere Umwelt in Konzepte zu pressen, zu vergleichen und zu bewerten. Damit treten wir aus der Verbindung mit uns selbst und mit unserer Umwelt heraus und erleben das Leben durch einen Schleier.

In Zeiten, in denen die Krisen sich stapeln und Wandel dringender wird, können wir uns das immer weniger leisten. All diese kleinen und großen Kompromisse bezahlen wir teuer: mit unserer Wirksamkeit und Energie, unserem Fokus, unserem Mitgefühl, mit unserer Kreativität, Liebe, Verbundenheit, Freude, Gesundheit und Lebendigkeit.

 

Also seien wir mutig und muten wir uns zu, unsere eigene Wahrheit zu erleben und zu leben, zu verkörpern und auszusprechen. Wenn wir es uns erlauben, wirklich anwesend zu sein, öffnen wir gleichzeitig den Raum für unsere Mitmenschen, das auch zu tun. Was für ein Impact.

 

Und das Wundervolle daran ist: Der Hebel zur Veränderung liegt absolut in unserem Einflussbereich. 

Bei uns selbst. Immer jetzt und immer hier.

 

 

Zum Vertiefen: Hayes, S. C. (2019). A Liberated Mind: How to Pivot Toward What Matters. New York: Avery.

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